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Anja M. Bönsch

Autorin

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02.04.2015

 

Der Pfau in uns

 

Familienfeiern, besonders in meiner, sind immer etwas besonderes. Es ist immer wieder schön, die Verwandten, nach vielleicht langer Zeit, wiederzusehen.

Natürlich bleibt auch der eine oder andere Kommentar über das Bestreben des Menschen nicht unerwähnt. „Siehst du gut aus!“, sind meistens dann die Statements meiner Verwandten.

 

Nur bei uns im Hause sind Familienfeste wahre Haute Couture-Schauen. Jeder zeigt, sein bestes Outfit und Äußeres an diesem Tag.

 

Ich gebe zu, seit Wochen plane ich mein Outfit

 

Immer wieder schaue in meiner Lieblingsboutique vorbei und stöbere die Kleiderständer durch. Immer wieder finde ich etwas, doch nie bin ich zufrieden.

Ich achte darauf, dass die Kleidung nicht zu festlich ist, denn ich möchte, die teils für viel Geld erworbenen Sachen, noch auf der Arbeit oder im Alltag anziehen.

 

Mittlerweile bin ich bei vier Bekleidungskombinationen angekommen, die ich gekauft habe.

 

Durch meine eigene, persönliche Disziplin und viel Sport habe ich in den letzten Monaten viel Gewicht verloren. Ich habe mein Wunschgewicht erreicht. Ich sehe sportlich gut trainiert aus und meine Muskelgruppen zeigen, dieses harte Training.

 

Jedoch habe ich mich in der letzten Woche erschreckt. Ich war, mal wieder, unzufrieden mit den bisher erworbenen Anziehsachen für die Feier und durch Zufall fand ich eine neue Kombination. ´Diese Sachen ziehst du auf jeden Fall an!`, dachte ich noch. ´Das ist wirklich genau, das, was du gesucht hast`.  Zufrieden verließ ich den Laden.

 

Ich suchte noch nach einer Hose. Schnell wurde ich in dem großen Einkaufszentrum fündig. Ich fand genau die Hose, die ich mir vorgestellt habe in einem Laden, zu dem ich gerne „Hungerhaken und Magersüchtig“ sage, weil die Sachen meistens für sehr schlanke Menschen entworfen sind.

 

Ich probierte eine Hose an und hatte Glück. Sie passt wie angegossen. Nur ist diese in Kleidergröße 34. Ich fasste es nicht. Zur Sicherheit nahm ich noch eine Nummer größer vom Ständer. Diese Hose war deutlich zu groß. Ich konnte das Model in Größe 36 anziehen, ohne den Knopf aufzumachen.

 

Ich hatte es schon bemerkt, dass ich wieder etwas dünner geworden bin. Auch in meiner Lieblingsboutique habe ich Probleme mit Größe 36. Auch hier sind die Hosen teilweise viel zu weit.

 

Ich musste mich erst einmal setzen. Neugierig betrachtete ich mich im Spiegel der Umkleidekabine. Jedoch sah ich keinen anderen Körper. Irgendwie sehe ich mich immer noch sehr pummelig, jedoch nicht als 34er.

 

Ich kaufte die Hose und sehr nachdenklich verließ ich den Laden. ´Bist du wirklich so dünn geworden?`, dachte ich immer wieder.

 

Ein paar Tage später erzählte ich meiner Mutter, was ich nach dem Sport in der Umkleide, gesehen hatte.

 

Eine sehr stark übergewichtige junge Frau. Diese Frau schaute mich sehr eindringlich an. Ich konnte ihre Blicke auf meiner Haut spüren. Nur in meiner Sportunterwäsche bekleidet drehte ich mich zu ihr um. Ich hatte an diesem Morgen sehr hart trainiert und mein Körper sah, durch die aufgepumpten Muskeln nun noch sportlicher aus.

 

„Wie haben Sie das gemacht?“, fragte die Dame sofort nach.

„Durch sehr viel Sport, ich trainiere nahezu täglich, und eiserne Disziplin bei der Ernährung“, war meine Antwort zurück. Ich konnte Bewunderung in ihrem Blick erkennen.

 

Ich gebe zu, nicht ganz ohne Stolz nahm ich mein Handtuch, meine Duschartikel und ging hoch erhobenen Hauptes an ihr vorbei, zur Dusche. ´Alles ist möglich`, dachte ich mir noch.

 

Wieder nagten in mir Zweifel und ich stellte mir die Frage: ´Bist du wirklich so dünn geworden?`

 

Wieder Zuhause angekommen erzählte ich das meiner Mutter.

 

„Anja, du bist ein Pfau!“, war ihre Antwort. „Stolzierst mit deinem Rad!“, fügte sie noch hinzu.

 

Ein paar Tage später begleitete ich meine Mutter zum Einkaufen. Sie hatte sich ein sehr edles Twinset und eine sehr teure Hose für die Familienfeier ausgesucht.

 

Vor der Umkleidekabine stand sie nun und betrachtete sich im Spiegel von allen Seiten. Der Laden war an diesem Tag sehr gut besucht. Viele Damen schauten meine Mutter bewundernd an.

 

Voller Stolz gab meiner Mutter die Sachen der Verkäuferin und ging zur Kasse.

 

Als wir den Laden verlassen hatten sagte ich zu meiner Mutter: „Mom, du bist ein Pfau! Stolzierst mit den teuren Sachen vor den anderen Frauen herum!“

 

„In jedem Menschen steckt ein Pfau“, war die sofortige Antwort meiner Mutter. „Und stolz sein und zeigen darf jeder einmal!“, erwiderte sie noch.

 

Doch dann bemerkte ich Zweifel in ihr. „Ob die Sachen das richtige für die Feier sind?“, fragte sie mich. „Ich glaube, ich gehe noch in einen anderen Laden und schaue dort einmal“, merkte sie noch an.

„Ein Pfau hat auch nur ein Federrad“, sagte ich zu ihr.

„Recht hast du!“, war die Antwort meiner Mutter.

 

Wieder zu Hause schaute meine Mutter in ihren Kleiderschrank. „Ich denke, ich ziehe doch die anderen Sachen an!“, sagte sie zu mir. „Darin fühle ich mich am Wohlsten“

 

Ich kann nur mit den Augen rollen. „Ja, ein Pfau hat immer die gleichen Federn“, sagte sie zu mir.

 

Recht hat sie. Nie sind wir Menschen zufrieden. Es soll immer noch besser, dabei vergessen wir wirklich worauf es ankommt, nämlich nicht die Anziehsachen oder die Figur, sondern auf das Herz eines Menschen. Das übersehen wir doch allzu oft.

 

Wichtig bei dieser Familienfeier sind doch nicht die Anziehsachen, sondern, dass wir uns nach, oft langer Zeit, wiedersehen. Ich denke, das Zusammensein aller wird wieder in den Hintergrund rücken. Erst müssen unsere Räder begutachtet und kommentiert werden. Schade um die verlorene Zeit, das Wesentliche wird wohl wieder untergehen.

 

Und ich....? Ich fühle mich nachwievor zu dick. Ich habe ein wenig bammel, dass meine Kleidergröße 34 nicht gesehen wird. In mir nagen immer noch Zweifel. Dumm nicht? Ich denke, ich werde wohl eine schlichte, schicke Jeans und einen Pullover anziehen. Darin fühle ich mich immer Wohl. Mein Rad - wie immer!

 

© 2015 Anja M. Bönsch

 

 

 

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