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Anja M. Bönsch

Autorin

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Diese Story hat es in die Top 5 eines großen Schreibwettbewerbes in Österreich geschafft und wird in Kürze in einem Kurzgeschichtenbuch veröffentlicht.

 

Wie es zu dieser Geschichte kam:

 

Das Schicksal einer Facebook-Freundin hat mich sehr bewegt und ich habe eine sehr niedliche, dennoch ernste Erzählung daraus gemacht.

Etwas zum Nachdenken, nicht mehr loslassen und auch zum Weinen.

 

 

 

Der Seelenverkäufer

 

Es ist ein kalter Wintertag.

Heute muss ich einkaufen. Die Leere meiner Schränke gibt genau mein innerstes wieder. Das Wichtigste fehlt in ihnen und in mir. Die Unaufgeräumtheit der noch verbliebenen Reste meiner Vorratsschränke, spiegeln genau meine Seele.

Ich weiß, dass ich noch einige wichtige Zutaten für das heutige Mittagessen brauche.

Ich muss raus zum Einkaufen. Ich muss in dieses Treiben und meine Vorräte wieder auffüllen. Ich beschließe mit dem Fahrrad zum Markt zu fahren.

 

Der Wind ist kalt und ich bin froh, mir eine dicke Hose und Jacke angezogen zu haben. Heute ist es mir egal, wie meine Kleidung ausschaut. Mein dicker Parka umhüllt mich und gibt mir die nötige Wärme. Wärme, die ich von mir selbst bekomme. Eine andere Wärme umgibt mich nicht mehr. Die soziale Kälte der Mitmenschen lässt mich nur noch frösteln.

Ich sehe eine Mutter, die ihr Kind ermahnt und ich sehe viele Seniorinnen, die sich mit ihren Gehhilfewagen mühsam vom oder zum Einkaufen schleppen. In vielen Augen kann ich das schon gelebte Leben erkennen und auch die Traurigkeit, die manchen Menschen umgibt.

Meine Augen tränen von dem Fahrtwind und der Kälte. Ich weine nicht. Ich kann nicht mehr weinen, denn meine Tränen sind schon seit langem in mir versiegt. Ich fahre weiter. Ich lasse mich nicht durch den Wind stoppen. Unbeirrbar geht die Fahrt für mich weiter.

 

Auf dem Markt angekommen, stürze ich mich sofort in das geschäftliche Treiben. Ich sehe viele Obst,- Gemüse,- Bekleidungs-,- und Wäschestände. Die Verkäufer preisen ihre Waren lautstark an.

 

Dann plötzlich ist er da. Ich sehe einen einfachen kleinen Stand. Er wird nicht von den Menschen auf dem Markt beachtet. Niemand scheint diesen kleinen, unscheinbaren Verkäufer mit seinen Waren zu bemerken.

 

Neugierig trete ich heran. Ich kann nicht erkennen, was der Verkäufer für Waren anpreist. Noch nie habe ich solche Schachteln gesehen.

Neugierig frage ich nach: „Was verkaufen Sie denn?“

Der Verkäufer gibt mir höflich Antwort: „Mein Name ist Asrael, ich bin 1500 Jahre alt und mein Beruf ist seit 800 Jahren Seelenverkäufer.“

Jetzt schaue ich mir den Mann genauer an. Er hat langes weißes Haar, seine Falten in seinem Gesicht erzählen mir ein langes, gelebtes Leben, zeigen mir auch Kummer und Sorgen. Jedoch seine Augen blicken mich hell, freundlich und klar an.

Seine Kleidung ist nicht mehr modern. Der alte Lodenmantel tut jedoch noch seinen Dienst und wärmt seinen ausgezehrten Körper. Seine faltige Hand zittert, als er mir eine Schachtel mit einer Seele in die Hand drückt.

„Öffne die Schachtel und halte die Seele in deiner Hand! Du wirst das Leben dieser Seele sofort spüren“, gibt er mir freundlich vor. Er lächelt mich dabei vertrauensvoll an.

Ich zögere. Mir behagt es nicht, eine fremde Seele zu berühren, geschweige denn, anzufassen.

 

Behutsam öffnet er die Schachtel, nimmt meine Hände und legt mir die Seele hinein.

Zu fasziniert bin ich von seinem Tun. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Stumm und geschockt lasse ich mir alles gefallen. Vollkommen steif stehe ich mit der Seele in meinen geöffneten Händen da.

 

Sofort spüre ich das Leid dieser Seele in mir. Sie beginnt sofort über ihre Sorgen zu berichten.

Stocksteif stehe ich immer noch da. Die Seele in meinen Händen.

Ich höre zu. Die Seele berichtet mir von einem Leid, welches ich noch nie in meinem Leben gespürt habe. Die Seele berichtet mir, in einem Heim aufgewachsen zu sein, da die Eltern den dazugehörigen Menschen verstoßen hätten. Sie teilt mit mir all ihren Kummer. Der Körper zu dieser Seele wurde geschlagen, geschunden und missbraucht. Nie hatte der Mensch, dem diese Seele gehörte, die Möglichkeit richtig zur Schule zu gehen und später eine gute Arbeit zu bekommen. Die Qual im Heim konnte diese Seele nicht verkraften.

Ich kann die Tränen dieser Seele jetzt in meinen feuchten Händen spüren. Meine Hände sind mittlerweile schweißnass.

Durch meine Seele frage ich nach. In meinen Gedanken spüre ich meine Seele, die in meinen Händen fragen: `Woran bist du denn gestorben?`

Sofort antwortet mir die Seele: ´Meine menschliche Hülle ist an gebrochenem Herzen gestorben, als die Frau gerade 35 Jahre alt war.`

Wieder spricht die Seele in mein Herz: `Ich bin nicht teuer, nur du kannst mich retten! Ich koste dir nur 10,00 Euro!`

 

Geschockt und sehr behutsam lege ich die Seele zurück in die Schachtel und gebe wieder den Deckel darauf.

 

Asrael schaut mich prüfend an und meint immer noch sehr freundlich: „Willst du noch eine ausprobieren?“

 

Ich kann nur mit dem Kopf nicken.

 

Wieder legt er mir eine Seele in meine Hände. Mit meinen Augen blicke ich diese genauer an. Ich bin mutiger geworden.

Ich sehe tiefe Narben und ich kann nichts an Reinheit und Klarheit erkennen. Diese Seele ist sehr groß. Auf jeden Fall größer, als die, die ich zuvor in meinen Händen hielt.

Ich höre nichts und blicke Asrael fragend an.

„Diese Seele ist sehr schüchtern. Du musst ein wenig Geduld haben, bis sie mit dir spricht“, er antwortet sehr freundlich und hustet dabei.

 

Ich warte eine Weile und dann beginnt die Seele zu sprechen. Auch diese spricht wieder in meinem Gedanken, in meine eigene Seele, zu mir.

`Ich bin in meinem Leben viel gemobbt worden, weil ich eine für die Menschheit hässliche Hülle hatte.´

Meine Seele antwortet sofort: ´Definiere hässlich!`

´Ich passte nicht in diese Gesellschaft hinein, weil meine menschliche Hülle nicht hübsch war. Gott fand sie schön und hat sie so gemacht. Sie hatte einen wunderbaren Charakter, war ehrlich und zuvorkommend. Immer höflich und freundlich. Doch die Hülle war für die Menschen eine hässliche Frau, die nichts für ihr Äußeres konnte. Niemand gab ihr eine Chance, sich im Leben zu beweisen. Immer wieder wurde sie aufgrund ihres Äußeren verstoßen, gehänselt und geschlagen. Niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben, sogar ihre Familie nicht. Ihr Äußeres stieß die Menschen ab. Ich tat alles, was in meiner Macht stand, doch ich war zu schwach um alles um meine menschliche Hülle herum aufzuhalten. Ich habe versagt!`

´Warum hast du denn versagt?`, fragt meine Seele nach.

´Ich bin groß und stark, sagen die anderen gefangenen Seelen immer wieder zu mir, doch ich konnte meine zugefügten Narben nicht mehr heilen. Es ging immer schneller und wurde immer mehr, dass immer wieder viele neue Wunden hinzukamen. Ich kämpfte, ich kämpfte immer weiter. Doch ich hatte keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich gab mich und meine menschliche Hülle auf. Meine Hülle sprang eines Abends von einem Hochhaus und starb. Ich habe wirklich alles versucht.`

Auch diese Seele weint in meinen Händen.

Schluchzend nennt sie mir ihren Preis: 15,00 Euro.

 

Ich bin zu geschockt. 15,00 Euro für eine gequälte, geschundene Seele. Ich kann es nicht fassen. Kopfschüttelnd und mit Tränen in den Augen stehe ich vor Asrael. Ich kann kaum sprechen. Immer wieder hallen noch die gesagten Worte der Seelen in meinem Kopf.

 

Asrael schaut mich mitleidig an. Seine Augen drücken Güte und Wärme aus und ich mag den Stand nicht verlassen. Es muss doch irgendwo noch eine Seele geben, die nichts hat und der nichts angetan wurde?

 

„Hast du denn keine Seele, der kein Leid angetan worden ist?“, frage ich sehr höflich und freundlich nach.

„Nicht bei meinen Sonderangeboten“, sagt Asrael zu mir.

"Gibt es denn überhaupt eine Seele ohne Narben?“, frage ich ihn.

„Moment mal, eine muss ich noch haben. Den Preis wird diese Seele dir selber nennen.“

 

Er bückt sich unter seinen Stand und holt eine kleine, niedliche Schachtel hervor. Langsam kommt er wieder hoch, öffnet die Schachtel und legt mir eine sehr kleine Seele in die Hand.

 

Ich halte diese Seele in meinen Händen und betrachte sie genau. Sie strahlt nur vor Reinheit und Klarheit. Ich kann keine Narben auf ihr erkennen. Sie sieht sehr neu aus und es scheint, als ob sie noch nie in einem Menschen war.

 

Wieder spricht diese Seele zu mir. Meine Seele kann sie kaum verstehen.

 

´Ich bin die Seele eines ungeborenen Menschen. Ich hatte nie eine Chance mit meiner Hülle auf dieser wunderschönen Welt zu leben. Der Tod holte mich noch vor meiner Geburt. Ich kann dir nichts Schlechtes oder Gutes berichten. Die anderen Seelen weinen hier am Stand Tag für Tag und Nacht für Nacht und ich tröste sie immer wieder.`

´Wie ist dein Preis`, will meine Seele sofort wissen.

´Ich koste nichts`, ist die Antwort zurück.

 

Behutsam lege ich die Seele wieder in die Schachtel zurück und gebe sie Asrael.

 

Er schaut mich neugierig an. „Willst du die Seele nicht kaufen?“, fragt er nach.

 

Lange überlege ich, welche Antwort ich ihm jetzt geben kann. Dann fällt es mir ein.

„Ich kann diese Seele nicht annehmen. Ihr WÜRDE zu viel Leid in mir zugefügt!“

 

Ich lächle Asrael an, bedanke mich bei ihm für die Bedienung und verlasse den Stand.

 

Als ich noch einmal zu der Stelle zurückgehe, an der sein Stand war, kann ich den Verkäufer nicht mehr sehen. Der Marktstand ist auch verschwunden.

 

Ich verspüre etwas Glück und Zufriedenheit, als ich mich auf mein Fahrrad setze und wieder nach Hause fahre. Es tat gut, den geschundenen Seelen Gehör zu geben und ich weiß, dass nicht nur mir auf dieser Welt Leid zugefügt wurde und wird.

 

© 2015 Anja M. Bönsch

Alle Rechte bei der Autorin.

 

 

 

 

 

 

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